„Niemand kommt, um euch zu retten“ – ein strategischer Realitätscheck für Deutschland
Der Satz, den Alex Karp beim WELT-Wirtschaftsgipfel in Berlin in die Runde wirft – „Niemand kommt, um euch zu retten“ – ist weniger eine Provokation als eine Diagnose. Er markiert das Ende eines mentalen Modus, in dem Europa und Deutschland darauf setzen konnten, dass sich die großen tektonischen Platten der Weltwirtschaft wieder „einrenken“: günstige Energie, stabile Lieferketten, verlässliche Sicherheitsgarantien, offene Märkte, ein berechenbarer technologischer Fortschritt. Karp behauptet das Gegenteil: Das Pendel schwingt nicht zurück. Wer jetzt noch auf Rückkehr hofft, verwechselt Nostalgie mit Strategie.

Diese Diagnose wirkt deshalb so scharf, weil sie nicht bei Moral oder Stimmung stehen bleibt, sondern eine strategische Konsequenz erzwingt: Wenn niemand kommt, muss das System selbst seine Lebensfähigkeit sichern. In der Sprache des strategischen Systemdenkens heißt das: Nicht nur relative Stärke im Markt zählt, nicht nur Profitabilität – entscheidend ist die Viabilität im relevanten System (also im politischen, technologischen, energie- und sicherheitsökonomischen Umfeld, das die Regeln des Marktes überhaupt erst setzt).
1. Von „KI als Spielerei“ zu „KI als operative Überlegenheit“
Karp trennt – zugespitzt – zwischen einer „überbewerteten“ KI der generischen Sprachmodelle und einer „unterbewerteten“ KI, die in realen Operationssystemen Wirkung entfaltet: in Industrie, Infrastruktur, Sicherheit, Verteidigung. Sein Punkt ist nicht, dass generative KI wertlos sei, sondern dass sie in dem Moment zur Commodity wird, in dem alle denselben Zugang haben. Strategisch relevant wird KI dort, wo sie in proprietäre Datenräume, Prozesse, Sensorik, Entscheidungsrechte und Haftungsstrukturen eingebettet ie nicht leicht kopiert werden kann.
Dass diese Unterscheidung kein reines Palantir-Narrativ ist, zeigt ein Blick auf die moderne Gefechts- und Lageführungsrealität in der Ukraine. Systeme wie DELTA integrieren Daten (u. a. aus Drohnen, Satelliten, Sensoren) zu Lagebildern und verkürzen Entscheidungs- und Wirkzeiten drastisch; NATO Allied Command Transformation hat DELTA im Interoperabilitätskontext (CWIX) explizit als „battlespace management system“ thematisiert. Berichte beschreiben genau den „Leapfrog“-Effekt, von dem Karp spricht: Wer sich softwarebasiert organisiert, kann strukturelle Unterlegenheit teilweise kompensieren.
Damit wird KI – jenseits aller Produktivitätsdebatten im Büro – zu einer Machttechnologie. Und Machttechnologien verändern Standortfragen: Sie koppeln Wettbewerbsfähigkeit an Souveränität.
2. „Kopiert nicht Amerika“ – und warum das kein Anti-Amerikanismus ist
Karps zweite Kernthese lautet: „Kopiert nicht Amerika.“ Das ist strategisch gelesen keine Abwertung der US-Innovationsdynamik, sondern eine Warnung vor Imitationslogik ohne Systemäquivalenz. Deutschland kann die amerikanische Plattformökonomie nicht einfach nachbauen, weil zentrale Voraussetzungen anders sind: Kapitalmarktstruktur, Beschaffungs- und Sicherheitsstaat, Daten- und Cloud-Konzentration, Risikokultur, Regulierungspraxis, militärisch-industrielle Nachfrage. Wer in asymmetrischen Systemen kopiert, wird zwangsläufig zum „drittklassigen Original“.
Der Draghi-Report zur europäischen Wettbewerbsfähigkeit formuliert denselben Befund in technokratischer Sprache: Europas Problem ist nicht nur Technologie, sondern auch die Fähigkeit, Entscheidungen zu treffen, zu finanzieren und zu skalieren – schnell genug und groß genug. Er kritisiert eine langsame Gesetzgebung (im Schnitt rund 19 Monate vom Vorschlag bis zur Verabschiedung) und benennt strukturelle Investitions- und Governance-Engpässe als Wettbewerbsnachteil.
Karps Pointe ist deshalb: Deutschland sollte nicht versuchen, ein weiteres „Google“ zu bauen, sondern seine eigene, historisch gewachsene Stärke radikal modernisieren.
3. Deutschlands USP: industrielle Physis – aber nur, wenn sie „softwarefähig“ wird
Wenn Karp Deutschland einen „einzigartigen Vorteil“ zuschreibt, meint er die physische Industrie: Maschinenbau, Chemie, Fertigung, Automobil, industrielle Prozesskompetenz. Das ist mehr als ein nostalgisches Industrielob. Es ist ein Hinweis auf eine seltene Kombination: Deutschland besitzt (noch) eine hohe Dichte an realweltlicher Wertschöpfung, in der Daten nicht nur Texte sind, sondern Messwerte, Materialflüsse, Toleranzen, Sicherheitssysteme, Wartungszustände, Energieprofile.
Die strategische Aufgabe ist daher nicht „Digitalisierung als Add-on“, sondern die Fusion von industrieller Tiefe mit Systemsoftware: Echtzeitfähigkeit, digitale Zwillinge, zertifizierbare KI in sicherheitskritischen Umgebungen, OT/IT-Security, robuste Datenräume, und eine Organisationslogik, die Pilotprojekte in Rollouts verwandelt.
Hier wird Karps Appell praktisch: Wer auf Rettung wartet, diskutiert KI als Kulturkampf; wer Viabilität sichern will, baut KI als Produktionsmittel.
4. Europas Achillesferse: Fragmentierung – besonders in der Verteidigung
Karps schärfste Kritik zielt auf Europas „Kleinstaaterei“ in Defence: fehlender Binnenmarkt, zu wenig gegenseitige Beschaffung, zu geringe Skalierungschancen. Und auch hier ist er näher am Mainstream, als es zunächst wirkt. Die EU selbst beschreibt das Problem und versucht, es über Instrumente wie EDIS/EDIP politisch zu adressieren; Zielgrößen wie mehr gemeinsame Beschaffung und stärkerer intra-europäischer Handel werden offen diskutiert. Bruegel verweist in diesem Zusammenhang ebenfalls auf die intendierte Steigerung des intra-EU-Verteidigungshandels bis 2030.
Der strategische Kern ist dabei nicht „mehr Militär“ als Selbstzweck, sondern ein industriepolitischer Mechanismus: Nachfrage bündeln, Standards setzen, Produktionskurven ermöglichen, Innovation beschleunigen – und Abhängigkeiten reduzieren.
5. Regulierung als Viabilitätsfrage: Europas Paradox „Vertrauen vs. Tempo“
Ein Teil der deutschen Debatte reagiert auf Karps Härte mit einem Reflex: „Wir sind eben rechtsstaatlich, datenschutzsensibel, reguliert – das ist unsere Stärke.“ Das stimmt, aber es ist nur die halbe Wahrheit. Rechtsstaatlichkeit ist ein Wettbewerbsvorteil, wenn sie Innovationsfähigkeit nicht ersetzt, sondern strukturiert.
Der EU AI Act rollt gestaffelt aus; frühe Pflichten (u. a. Verbote, Begriffs- und Literacy-Regeln) gelten seit Februar 2025, während Governance- und Pflichten für General-Purpose-Modelle seit August 2025 greifen, mit weiterem Rollout Richtung 2027. Parallel zeigt das Bundesverfassungsgericht, wie eng die Leitplanken insbesondere bei automatisierter Datenanalyse im Sicherheitsbereich sind.
Das ist kein Argument gegen „unterbewertete KI“, sondern ein Auftrag: Europa muss operative Systeme bauen, die auditierbar, zweckgebunden, rechtssicher und dennoch wirksam sind. Gelingt das nicht, droht ein Dilemma: Entweder verliert Europa Fähigkeit – oder Freiheit. Strategisch gewonnen wird nur, wenn beides zusammen gedacht wird.
6. Der passende Bezugsrahmen: Lebensfähigkeit statt Optimierungsromantik
Genau hier hilft ein viabilitätsorientierter Strategieansatz, wie er im systemischen Denken formuliert wird: Lebensfähigkeit ist keine Einmalbewertung, sondern eine dynamische Fähigkeit, im relevanten System zu überleben, zu lernen und zu transformieren. In dieser Logik ist „Strategie“ nicht primär ein Plan, sondern ein Steuerungsprinzip unter Unsicherheit.
Eine besonders prägnante Heuristik ist die relationale Betrachtung von Lebensfähigkeitsrisiken über das Verhältnis von Komplexität zu Agilität × Robustheit: Steigt die Systemkomplexität schneller als Anpassungs- und Widerstandsfähigkeit, wächst das Viabilitätsrisiko – oft nicht linear, sondern sprunghaft.
Übertragen auf die deutsche Wirtschaft heißt das: Das Land ist nicht „zu schwach“, sondern in einem System, dessen Komplexität (Geopolitik, Energie, Technologie, Demografie, Abhängigkeiten) schneller gestiegen ist als die kollektive Fähigkeit, schnell zu entscheiden, zu investieren, zu skalieren und Risiken zu tragen.
7. Konsequenz für eine Strategie der deutschen Wirtschaft: Souveränität durch Systemfähigkeit
Aus Karps Appell, Draghi/Letta und der EU-Defense-Industriepolitik lässt sich ein kohärentes strategisches Leitmotiv ableiten:
Deutschland (im europäischen Verbund) muss seine industrielle Stärke in Systemfähigkeit übersetzen – und zwar entlang drei Achsen:
Erstens: Energie- und Infrastrukturfähigkeit als Standortgrundlage (Kosten, Resilienz, Versorgungssicherheit) – nicht als Nebenschauplatz. Der Draghi-Report macht klar, wie sehr Wettbewerbsfähigkeit an diesen Faktoren hängt.
Zweitens: Digitale und KI-Operationsfähigkeit: nicht als App-Ökonomie, sondern als industrielle, sicherheits- und verwaltungsfähige Softwarearchitektur (Datenräume, Integration, Zertifizierung, Cyber). Der AI-Act zwingt hier zu Professionalität – wer das beherrscht, kann Vertrauen als Exportgut entwickeln.
Drittens: europäische Skalierung: Ohne Binnenmarktlogik in Schlüsselbereichen (insb. Defence und Dual-Use) bleiben Innovationen kleinteilig. EDIP/EDIS sind unvollkommen, aber sie markieren dme Nachfrage, gemeinsame Standards, gemeinsame Produktionsfähigkeit. Letta rahmt diese Richtung als „Speed, Security, Solidarity“ – Binnenmarkt als strategische Maschine, nicht nur als Effizienzprojekt.
Wer Viabilität sichern will, nimmt die Gegenwart ernst – und baut die Fähigkeiten, die in einer geopolitischen, technologiegetriebenen Welt über Wohlstand und Sicherheit entscheiden.
Karps Appell ist damit weniger eine Anleitung, „wie Amerika zu werden“, als eine Zumutung, Deutschland wieder zu sich selbst zu bringen: zur industriellen Substanz – aber in einer neuen, software- und systemfähigen Form, skaliert über Europa, rechtsstaatlich abgesichert und strategisch mutig.